50 Jahre Werkheim aus Sicht eines Angehörigen

Vor 50 Jahren fiel es meinen Eltern nicht leicht, sich für das Werkheim Neuschwende als Wohn- und Arbeitsplatz für meinen Bruder Thomas zu entscheiden

Ich bekam hautnah mit, wie meine Mutter ein schlechtes Gewissen hatte und befürchtete, die Leute im Dorf würden über sie reden, weil sie als «Rabenmutter» ihren Sohn in einem Heim im hintersten Appenzellerland «versorge». Es war damals nicht üblich, über Heimplatzierungen offen zu sprechen. Zu der Zeit nutzte man für die Bewohnenden auch das schreckliche Wort «Zöglinge». Die heutige Bezeichnung «Verhaltensoriginelle» bzw. «verhaltenskreative Menschen» ist für mich bedeutend stimmiger.

Positive Erfahrungen mit gelebter Praxis 

Die ersten Bewohnenden im Werkheim waren mehrheitlich ehemalige Schülerinnen und Schüler der Johannesschule in Küsnacht. Wenn wir Angehörigen unseren Bruder nach Trogen fuhren, rannte er jedes Mal bei Ankunft begeistert den Betreuenden entgegen und verschwand in seinem Zimmer. Besuche im Werkheim waren für mich immer eindrücklich. Im Gegensatz zum hektischen Alltag in Zürich war die Stimmung in Neuschwende immer friedlich und ruhig. 

Mein Vater Andres gehörte zur Gründergeneration und sass im Vorstand des Werkheims. So war das Werkheim Neuschwende ein omnipräsentes Thema am Esstisch. Zu Hause diskutierten wir auch oft über die Anthroposophie, die im Werkheim und schon vorher in der Johannesschule gelebt wurde. In unserer Familie waren wir uns immer einig darüber, dass die Anthroposophen mit unseren Geschwistern und Kindern tolle Arbeit leisteten und wahre Wunder erzielten in der Begleitung von Menschen mit Unterstützungsbedarf. Im Werkheim wurde mein Bruder als ganzheitlicher Mensch, als Individuum, wahrgenommen und war Teil einer Gemeinschaft. Dort fühlte er sich wohl, was den Ablösungsprozess von zu Hause merklich vereinfachte. Er lernte Dinge, die unmöglich erschienen, und wurde auf körperlicher, seelischer und geistiger Ebene so gefördert und gefordert, dass wir nur staunen konnten.

Viele andere Eltern machten ebenfalls diese Erfahrung und erkannten dabei, dass der Schritt ins Werkheim für ihre Kinder richtig war und sie eine Entwicklung vollzogen, die zu Hause nicht denkbar gewesen wäre. Dennoch war der Prozess des Loslassens schmerzhaft. 

Von unverständlichen Höhenflügen und Verboten 

Im Gegensatz zu den positiven praktischen Erfahrungen mit der Anthroposophie standen die hochgestochenen, orthodoxen Theorien, die manche Heimleitende und Betreuende in den Anfängen des Werkheims vermittelten. Als Angehörige wurden wir immer wieder nach Neuschwende zitiert, um uns Nachmittage lang die kopflastigen Theorien über die Anthroposophie anzuhören. Als Kind bei solchen Anlässen still zu sitzen, war eine Qual. Soar ich jeweils richtig glücklich, wenn einige der verhaltensoriginellen Bewohnenden, die
meist ebenfalls anwesend waren, auf ihre Art eine gewisse Lockerheit in den Saal brachten. Sie lachten plötzlich an unüblichen Stellen in den Vorträgen, standen auf und gingen im
Saal rum, rülpsten, schrien, schlugen um sich oder liefen einfach davon, und so machten sie die langweiligen Referate erträglicher. Glücklicherweise legten spätere Heimleiter
die Schriften Rudolf Steiners zeitgemässer und für uns Angehörige nachvollziehbarer aus. Das ist bis heute so.

Endgültig vorbei sind auch die Zeiten, als meinem Bruder sein geliebtes Radio und der Fernseher verboten wurden oder er sich an die gesunde anthroposophische Kochweise
gewöhnen musste. Während der Wochenenden oder Ferien zu Hause schaute er dann den ganzen Tag TV, hörte Musik am Radio und ass Cervelats, Koteletts und Pommes, um die kulinarischen Einschränkungen zu kompensieren.

Sorgen und Nöte
Manchmal kam mein Vater verärgert oder bedrückt von Vorstandssitzungen nach Hause. Irgendwo musste man immer sparen oder buchhalterische «Verrenkungen» machen. Es
wurden Anpassungen an Liegenschaften oder in der Betreuung nötig, da der Kanton immer mehr Gelder kürzte oder die Personalkosten immer höher wurden. Der Vorstand musste
nach neuen Einnahmequellen suchen. Nach meinem Vater übernahm mein Schwager Alex und später mein älterer Bruder Dieter den Sitz im Vorstand, auch sie berichteten oft
mit Sorgenfalten von den anstehenden Prob￾lemen. Von meinem Bruder Dieter habe ich diesen Sitz geerbt. Im Vorstand vertrete ich auch die Anliegen der Angehörigen.

Älter werden
Viele Angehörige waren froh, als nach einigen Jahren der Ganzjahresbetrieb in Trogen eingeführt wurde. Grund dafür war, dass viele Eltern mit zunehmendem Alter nicht mehr
die Kraft hatten, an den Wochenenden und in der Ferienzeit ihre erwachsenen Kinder selber zu betreuen.

Als meine Eltern im Alter krank wurden und diese Welt verliessen, wurde uns Geschwistern klar, wie wichtig es war, dass unser Bruder Thomas im Werkheim sein eigenes
selbstständiges Leben aufgebaut hat. Dadurch verkraftete er den Tod unserer Eltern erstaunlich gut. Heute gehört mein Bruder zu den ältesten Bewohnenden und benötigt
immer mehr Pflege, so wie andere Erstbewohnende ebenfalls. Sie haben ein Alter erreicht, das weit über der Lebenserwartung liegt, mit der Menschen mit Unterstützungsbedarf vor 50 Jahren rechnen durften.

Zukunft
Einerseits stehen wir vor baulichen Herausforderungen, andererseits ist das Betreu￾ungsteam gefordert, auf die Bedürfnisse der älteren Bewohnenden einzugehen. Gleichzeitig stellen junge Bewohnende ganz andere Ansprüche ans Wohnen und Arbeiten als vor 50 Jahren. Zudem gilt es, die Vorgaben der UNO-Behindertenrechtskonvention bezüglich Selbstbestimmung, Teilhabe und Inklusion umzusetzen. Diese Herausforderungen müssen wir meistern, um das Werkheim Neuschwende auf die nächsten 50 Jahre vorzubereiten.

Philipp Burckhardt,
Angehörigenvertreter im Vorstand